Ausstellung 2017

Aus Grenzen sollen Brücken werden: „Brücken Bilden“

Sabine Hierholzer

„Brücken bilden“ bilden Brücken – das ist die Thematik, unter der die
3. Skulpturenausstellung 2017 im Seegarten Allensbach stattfindet. Von den eingegangenen über 100 Bewerbungen aus dem ganzen Bundes­ gebiet und der Schweiz werden nun nach der Jurierung 32 Kunstwerke und Performances in der Ausstellung präsentiert. Die Künstler zeigen skulpturale Arbeiten aus allen klassischen Materialien (Holz, Stein, Metall, Keramik, Kunststoff u.a.) sowie Installationen. Verschiedene Performan­ ces und Projekte reichern die Ausstellung während der 5­monatigen Dauer an.

Der Konzeption der Triennale folgend erscheint das Thema „Brücken bil­
den“ wie geschaffen zur Charakterisierung unseres Ortes. Brücken schaf­
fen als Bauwerke Übergänge ebenso wie der Fährbetrieb zwischen
Allensbach und der Reichenau über viele Jahrhunderte die Versorgung des Rei­ chenauer Insel­Klosters gewährleistete. Das Überbrücken im übertragenen Sinne bedeutet Dialog führen in der Gesellschaft, wozu das Institut für Demoskopie seit seiner Gründung beitrug. International wird das Überbrücken zum Symbol für Völ­ kerverständigung (der Bodensee mit seinen Anrainerstaaten). Brücken stellen aber auch Verbindung her innerhalb der Gesellschaft, sie integrieren durch Abbau von Barrieren in diesen Jahren auch in Allensbach aktuell und können ebenso zur Einbindung von Bevölkerung/Gewerbe in die Skulpturenausstellung führen. Hier wird die Brücke zur Metapher für das „Überbrücken“.

 

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Interpretation und Ausführung

Entsprechend vielfältig wird das Thema von den Künstlern in unserer Ausstellung bearbeitet. Es entstehen eigentliche Brücken­Bauwerke – hängend (Kopp/Maze­ nauer, Buhmannn) oder stehend: Brückenköpfe, die miteinander in Dialog treten (Faas, Steigerwald), oder das Gestein, das in seiner Entstehung geologische Er­ eignisse reflektierend einen Pylonen krönt und damit einer Toranlage gleicht (Weber).

Brücken schaffen eine Raumbeziehung: Schweres Eisen bildet den Raum zwischen Unten und Oben (FEROSE), zwischen Innen und Außen in Bezug zum Umfeld (Sälz­ le) oder erzeugt einen Raum in sich (Treiber, Lauinger). Die Performance von Jä­ ger/Riesterer verbindet die plastischen Kunstwerke in einer raumgreifenden Installation mit einer Roten Linie. Die Linie schwingt durch die Luft, stellt räumliche Beziehungen her, schlägt Brücken.

Brücken entstehen durch Kontakt, wie der Eichenbalken die zwei Sockel aus der Mischung von Zement, Sand und Kies von verschiedenen Ufern der drei Boden­seeländer zu einer Bank verbindet (Majer). Die schweren Sandsteinblöcke in Kontakt mit Bagger­Fahrwerksketten laden zum Verweilen und zum Nachden­ ken (Hackenbracht). Die kleine bankähnliche Skulptur mit dem alten Eichenbal­ ken eines Hausabrisses trägt seine eigene Geschichte, denn auch die Vorangegangenen hatten Hypothesen über ihre individuelle Zukunft (Anwander). Zwölf rautenförmige Einzelsteine sind so aufgeschichtet, dass sie nur im Verbund Bestand haben. Bauen und Bilden geschieht hier im gegenseitigen Gebraucht­ werden, genauso wie in der Gesellschaft, als innerer Zusammenhalt und Brücke zwischen den Modulen (Landmann). Und ganz abstrakt: Keramische Köpfe pfle­ gen den Augenkontakt zu den Sternen. Jeder Betrachter gestaltet diese Brücke mit seinen eigenen Gedanken (Baumgärtner­Förschler).

Sinnbild für das Leben des Menschen: Ein Steinblock auf Stahlstäben eine Brücke bildend, mit dem Bruch in der Mitte welches Leben ist ohne Brüche? (Braun). Über Brücken zu gehen bedeutet bisweilen Gefahr Risiko Überwin­ dung, und manche Brücken sind sogar versperrt (Knubben). Zwei über Brücken verbundene DNA­Stränge die Doppelhelix wird zur Metapher für das Leben: bei der Replikation der Erbanlagen löst sie sich auf, es entsteht Neues (Ende­ mann). Das Ei, das beim Zerbersten der Schalen neues Leben hervorbringt, gilt als Brücke vom Anfang zum Ende, vom Materiellen zum Spirituellen (Mann). Der weibliche Kopf, mit realistischer Front und dem verschachtelten Hinten, zeigt die Brücken in sich mit dem Blick zum anderen (Dierauer).

Die sozialen Bindungen zwischen Menschen werden im Laufe des Lebens immer vielfältiger und beeinflussen sich gegenseitig. Dabei sind der Dialog und das Mit­ einander­Kommunizieren Voraussetzung dafür, dass eine positive Begeg nung zwischen zwei Menschen, in Gruppen, in der sozialen Gesellschaft entsteht (Bur­ rer). Dabei gewährleistet die Überwindung der Ausgrenzung die Verbindung der Menschen untereinander in humanitären, sozialen, kulturellen, internationalen Be­ reichen (Dittus). Hierzu bedarf es des Mutes, der Neugierde, der Kraft (Stehle). Simples Nylongewebe verspannt sich wie ein Netzwerk mit allen Deutungsmög­ lichkeiten in ihrer ästhetischen und konzeptionellen Dimension in Bezug auf die Gesellschaft: Hier wird versponnen, verwoben, verknotet zu allgemeinen Verstri­ ckungen (Ortmann). Besonders aktuell sind diese Gedanken im Hinblick auf Mi­ gration, Vertreibung, Transit und Integration. Die Geschichte der Aus­ und Einwanderung, Flucht und Vertreibung reicht weit ins Altertum zurück. Und heute ist Europa das Land, wohin so viele Menschen flüchten wie nie zuvor (Lüthi, Bitti­ ger), die Schutzräume (Bühler) brauchen, wenn aus Transit Integration und ge­ genseitige Wertschätzung werden soll.

Bei der Kommunikation werden Informationen von einem „Sender“ an einen „Empfänger“ über eine Distanz überwunden. Dabei setzt die verbale Kommuni­

kation als Brücke zur Umgebung und Bevölkerung eine Kontaktaufnahme voraus. Dieses geschieht bei einer Performance dreimal während der der Ausstellung an verschiedenen Orten in Allensbach zum Austausch über das „Brücken bilden“ (Knöpfle).

Imaginäre Brücken werden gebaut, indem wir die uns umgebende Welt nach un­ seren Wahrnehmungen, Erfahrungen und Prägungen interpretieren (Koellner). Wir können uns vernetzen, in Verbindung treten, Solidarität zeigen (Lenzing&Lenzing) oder gar visuelle Ziele miteinander verbinden: Der Blick vom Seegarten in Allens­ bach über den Gnadensee mit der Wahrnehmung der Insel Reichenau ruft den Gedanken über die Jahrhunderte alte Verbindung der beiden Orte hervor (Jan­ thur).

Der gesamte Komplex des BrückenBildens eröffnet sich bei der Aktion „Art in Pro­ gress“ von Bütikofer (15. – 20. Mai 2017). Er hat als aufgeforderter Gast ein Integra­ tionsprojekt konzipiert, das direkt nach der Vernissage in Zusammenarbeit mit dem Amt für Migration und Integration des Landkreises Konstanz realisiert wird: Es ent­ steht innerhalb einer Woche ein Brücken­Bauwerk mit einem begehbaren Raum. Kleine Materialien im Kontakt ergeben Großes. Menschen aus verschieden Kultur­ räumen überqueren für eine Woche die Gräben des Andersseins beim gemeinsa­ men Arbeiten, Kommunizieren und Speisen. Dabei wird das Verständnis gegenüber dem Anderen wachsen. Dieses ist eine der Grundbedingungen für den Beginn einer gelungenen Integration fremder Kulturen und anders Denken­ den. Die Brücke verjüngt ihren Querschnitt zur Mitte hin und verweist damit auf das fragile Gleichgewicht von Hoffnung und Furcht vor dem Unbekannten auf der an­ deren Seite, auch dieses eine Metapher für das Leben des Menschen.

Im Katalog entspricht die Reihenfolge der Präsentation der 32 Exponate/Perfor­ mances und ihrer Künstler nach Adrian Bütikofer dem Alphabet, die fortlaufende Nummerierung wird aufgenommen im Lageplan. In der Ausstellung weisen den Exponaten zugeordnete Schilder auf die Gedanken des Künstlers, die ihn mit Be­ rücksichtigung des Themas zur Schaffung gerade dieses Kunstwerkes bewogen haben. Die regelmäßigen Zwischen­Events während der Ausstellung sind der Öf­ fentlichkeit zugänglich; u.a. finden Kolloquien statt z.B. unter den Leitungen von G. Seitz, Kurator „BodenseeKunstwege (www.bodenseekunstwege.eu) und R. Kir­ berg, Chairman Sculpture Network (www.sculpture­network.org). Mit Führungen für Erwachsene, Schüler der örtlichen Schulen und Kindergartenkinder vervollstän­ digt sich unser Angebot an die Öffentlichkeit.

Jury für 2017: Markus Daum (Bildhauer, Berlin, Radolfzell), Ursula Grashey (Galeris­ tin, Konstanz), Siegmund Kopitzki (Kulturjournalist, Südkurier Konstanz), Dr. Ursula Wolf (Kunsthistorikerin, Radolfzell)

 

Teilnehmer 2017:

Adrian Bütikofer, CH

Reiner Anwander, D
Sigrid Baumgärtner-Förschler, D
Hadmut Bittiger, D
Günter Braun, D
Verena Bühler, CH
Andrea Buhmann, D
Sibylle Burrer, D
Veronika Dierauer, CH
Thomas Dittus, D
Heike Endemann, D
Stefan Faas, D
FEROSE, D
Cornelius Hackenbracht, D
Barbara Jäger und OMI Riesterer, D
Georg Janthur, D
Johanna Knöpfle, D
Jürgen Knubben, D
Rebecca Koellner, D
Susan Kopp und Gabriel Mazenauer, CH
Alois Landmann, D
Martina Lauinger, CH
Anette Lenzing und Lukas Lenzing, D
Catrin Lüthi K, CH
Monika Majer, D
Georg Mann, D
Monika Ortmann, D
Ulrich Sälzle, D
Herbert Stehle, D
Michael Steigerwald, D
Heinz Treiber, D
Ralf Weber, D